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"Nicht fuer die Schule,
sondern fuer das Leben
surfen wir.
" (Johan Sjerpstra)
 
Academia Cybernetica

Über die Sintflut als Internet

Von Geert Lovink/Pit Schultz

Fuer Aussenseiter, Einsteiger und sogar fuer Fortgeschrittene bleibt das Netz ein Synonym fuer die sintflutartigen anschwellenden Netzgesaenge. Als achte Plage kurz vor dem Exodus setzt die Idee, dass alle 18 Monate die Information auf diesem Planeten sich verdoppelt den Bildungsbuerger in Angst und Schrecken. Der humanistische Wunsch, der Mensch sei Herr ueber seine Daten, macht aus der Verselbstaendigung technischer Medien ein endzeitliches Schreckgespenst. Das Problem ist vor allem das Heimtueckische der sich selbst vermehrenden Information, denen der glaeserne Buerger am elektronischen Halsband hilflos gegenuebersteht, betoert von den Kontrollmaschinen und dem unkrautartigen Wildwuchs unkontrollierter Datenproduktion, die ihre Spaesschen treiben mit dem Willen zum Wissen. Der gutgemeinte Trieb zum Grunde der Wahrheit hinabzutuauchen, welcher je nach Vorliebe als Rettungsaktion oder als Faehigkeit zum Ent-scheiden deutlich werden soll, geht im anonymen Gemurmel profaner Freude am Rauschen unter.

Die Baendigung des Netzes als zweite oder dritte Natur wird zum zentralen Vorhaben fuer die Entscheidungstraeger des 21. Jahrhunderts.

Peter Handke bemerkt dazu auf seiner "winterlichen Reise": "Denn was weiss man, wo eine Beteiligung beinah immer nur eine (Fern-) Sehbeteigung ist? Was weiss man, wo man vor lauter Vernetzung und Online nur Wissenbesitz hat, ohne jenes tatsaechliche Wissen, welches allein durch Lernen, Schauen und Lernen, entstehen kann?" Der Gegensatz von Erfahrung vor Ort und Beteiligung aus der Ferne deutet im Grunde nur auf einen Stellvertreterkonflikt konkurrierender Bereiche der Wahrheitsproduktion. Die hohe Zunft der Literatur sieht sich durch 'Online' um ihr Privileg gebracht, authentische Subjektivitaet und Praesenz zu vermitteln. Die kulturelle Herrschaftselite ertraeumt sich eine abgeschlossene Zone des Erhabenen und Realen in dem Erfahrung, Entscheidung und Handlung noch moeglich sind weil sie klassischen Gesetzen folgen, ganz im Sinne der Thermodynamik, Ordnung und Chaos.

Auch fuer Dietmar Kamper sind die Medien die grosse Gefahr: "Das Imaginaere ist derzeit der maechtigste Gegner derer, die leben wollen. Es hat alle Throne und Herrschaften besetzt. Es feiert den Geist des Binaeren. Es bietet keine Spielraeume mehr fuer Koerper auf Zeit. Wie soll man ein Gefaengnis aus Bildern oeffnen?" Sein Freund Baudrillard aus Paris meint dazu: "Unsere gesamte Geschichte zeugt von dieser Anlage der Vernunft, die selbst auf dem Weg ist, sich zu zerlegen. Unsere Kultur des Sinns bricht zusammen unter dem Uebermass an Sinn, die Kultur der Realitaet bricht zusammen under dem Uebermass an Realitaet, die Kultur der Information bricht zusammen unter dem Uebermass an Information." Die Rede von Tod und Niedergang, die Rethorik von "dies alles geht zuende - und ich bleib dabei" findet nur nicht die Worte fuer den eigentlichen Verlust: Im Buch war der Geist gut aufgeboben, seinen Vertretern auf Erden, Priestern, Schreibern, Urhebern, Dichtern und Richtern wuchs durch die Beherrschung der Technik der Richtigkeit, im Schreiben, Lesen und Denken eine jenseitige Macht zu. Heute steht der eigebauten Transzendenz der Schriftkultur der Nihilismus eines umerisch-rechnerischen Datennirvanas gegenueber. Die imaginaere Macht des Intellektuellen, die auf der Beherrschung der traditionellen Kodierungstechniken fusst, geht in ein melancholisches Jammern ueber bevorstehende Kulturkatastrophen ueber, weil Europa nicht mehr Zentrum der symbolischen Herrschaftsordnung ist. Siemens, Philips, Bull, Olivetti, Robotron sind zu Nachlassverwaltern des industriellen Zeitalter degradiert. Die nationalen Elektrokonzerne und deren Kulturbedarf sind als buerokratische Dinosaurier auf dem "globalem Weltmarkt" ohnmaechtig gegen die (asiatische) "Perfektion des Sekundaeren".

"Was Nietzsche in seiner Vision vom anbrechenden Zeitalter der letzten Menschen vor Auge hatte, ist der scheinbar unaufhaltsame Abstieg des Menschen von den alten manischen Hoehen zur universellen selbstzufriedenen, semidepressiven Mittelmaessigkeit. Wer koennte leugnen, dass das Medienzeitalter zu einem Triumph der entgeisterten Vitalitaet gefuehrt hat - orientiert am Leitbild sportlich- musikalischer Grenzdebilitaet? Der letzte Mensch: der Passant vor einem Mikrophon." kommentiert der ZKM-Philosoph Peter Sloterdijk. Die Abscheu vor dem eignen Mittelmass, die oekonomische Abhaengigkeit von der verachteten Mittelklasse und das Verschwinden der Hi-Society hinter ihren eigenen Gittern, macht es dem aufstrebenden Intellektuellen unertraeglich, dass Hochkultur laengst zum Allgemeingut einer konstruktiven, ehrgeizigen und gebildeten Mittelschicht geworden ist. Das Fehlprodukt der deutschen Nachkriegsgeschichte ist der Uebermensch ohne Eigenschaften. "Die Mediengesellschaft ist in das schwarze Loch der Erkenntnis gefallen." (Der Spiegel)

Marc Auge'e nennt es "die Uebermoderne, die Vorderseite einer Medaille, deren Kehrseite die Postmoderne bildet." Es geht ihm um die "Ueberinvestition an Sinn, die Ueberfuelle der Ereignisse." Peter Sloterdijk kann sich immer noch nicht entscheiden, auch wenn Europa erwacht. "Welches Leben sollen wir probieren? Welchen Flug sollen wir buchen? Wir sind bodenlos, weil wir zwischen vierzehn Arten von Dressings waehlen muessen. Die Welt ist eine Speisekarte, da heisst es bestellen und nicht verzweifeln." Gottfried Benn hatte schon Jahre zuvor mit dem gleichen Phaenomen zu kaempfen. "Geistesfreiheit -: weil 1841 die Massenherstellung von Druckerschwaerze begann und im Laufe des Jahrhunderts die Rotations- und Setzmaschinen hinzukamen, das waere bei 3812 Tageszeitungen in Deutschland und 4309 Wochenzeitschriften zuviel historischer Sinn." Und Robert Musil laesst seinen Ulrich dazu sagen: "Du brauchst bloss in eine Zeitung hineinzusehen. Sie ist von einer unermesslichen Undurchsichtigkeit erfuellt. Da ist die Rede von so vielen Dingen, dass es das Denkvermoegen eines Leibniz ueberschritte. Aber man merkt es nicht einmal; man ist anders geworden. Es steht nicht mehr ein ganzer Mensch einer ganzen Welt gegenueber, sondern ein menschliches Etwas bewegt sich in einer allgemeinen Naehrfluessigkeit." Es gibt die Vorstellung aus dem 19. Jahrhunderts ueber den zwangslaeufigen Zerfall von Ordnung in Entropie, der Maxwellsche Daemon, der seit etwa 45 auf die Informationsebene losgelassen wird. Die neue Unuebersichtlichtkeit der digitalen Welten treibt uns in den Kaeltetod (oder Waermetod?). Die postmodernen Fiktionen von Pynchon bis Gibson haben sich als hypernaturalistische Grosschenromane erwiesen. Was bleibt ist eine Kultur des Jammers, das Unbehagen an der Postmoderne, die man selbst mitzuverantworten hat. Zum Beispiel Baudrillards "Drama des Ueberentwickelten": "Das Psychodrama des Ueberdrusses, des Ueberdrucks, der Ueberfuelle, der Neurose und der aufbrechenden Geschwuere." Information als eklige Katastrophe: "Sind wir also am Nullpunkt der Kommunikation angekommen? Klar: die Leute hueten sich vor der Kommunikation wie vor der Pest." Das ist der Standardkommentar zu den Wachstumsraten der Netze: "Was haben wir uns gegenseitig zu sagen? Was gibt es ueberhaupt zu kommunizieren?" Es gibt nur noch 'Info-Inflation' und die eigentlichen Sieger sind die 'Informationsmakler'. Kein Wunder das Edmund Stoiber (CSU) zum Massnahmen gegen "Schmutz und Unrat im Internet" raet, und man bei der Regelementierung des Internets wieder an der Weltspitze steht: 'am deutschen Wesen soll das Netz genesen'.

Dies alles scheint wahrer als wahr, es ist das Denken, das nur noch Trivialitaeten und Tautologien hervorbringt. Die Negation der Negation der Negation ruft keinen Spannungen mehr hervor. Es uebt sich im An-un- Bei-sich-halten, die alte Subjektivierungs-tools sind marode geworden und die neuen sind noch so fremd. Ohne Feind oder Handlungsbedarf, nachdem man von allem Abschied genommen hat und alles zuende ging, kehren wir zur Bodenstation zurueck (siehe Sherry Turkle). Das Pariser Program wurde verwirklicht, aber das Leben ging seinen gewohnten Gang. Aus 1000 Plateaux wurden Millionen Websites und das postmoderne Wissen gibt es auf CD-ROM um die Ecke. Gerhard Schultze, der Emmanuel Kant der Kaufhauskultur, bleibt ganz nuechtern. In seiner Kritik der Erlebnisrationalitaet beschreibt er die Grenzen des Konsums. "Kaum angeschafft und in Gebrauch genommen, werden die Dinge, die einen Augenblick vorher noch die Begehrlichkeit wachgerufen haben, bereits blasser. Bei der Mehrzahl der Produkte ist die staendige Verbesserung der Produktqualitaet nicht zu bezweifeln. Fraglich ist nicht mehr, ob die Ware den Anspruechen des Kunden genuegt, sondern ob der Kunde mit den Anspruechen der Ware schritthalten kann. Die Langfristerfahrung der Dynamik des Warenangebots uebt den Blick fuer das Verfallsdatum ein. Immer wieder muss man innerlich und aeusserlich Platz machen fuer das Nachfolgende. Zur Angst vor Langeweile gesellt sich die Angst, etwas zu versaeumen. So gross die Zahl der Angebote auch ist, im Konsum des Erlebnisses liegt unvermeidlich eine Festlegung." Die Folge: "Freiheitsstress". Das Reale und Virtuelle, das Imaginaere und Symbolische trifft sich im Moment des Erlebnisses, welches eine ganze Ereignisindustrie und -forschung nach sich zieht. (Tourismus, VR-Parks, experimentelle Psychologie, Extremsportarten, Event-Sponsoring, Cybercafes, Clickstudien, Club Culture, Common Sense Studies..) Die Erlebnissoziologie liefert das theoretische Geruest einer hochkomplexen Ereignissproduktion und hat laengst das Internet erfasst (24 Hours Cyberspace, Blitzmails, Blue Ribbon Campaign). Erlebnisdesign und Ereignismanagement kaempfen gegen unkontrollierte Ausnahmezustaende, Depression, Langeweile und froehlichen Vandalismus, sie stellen ein pragmatisches Herrschaftswissen bereit, das sich als ueberlebensfaehig erweist fuers Infozeitalter, da es Emotionen steuert und nicht Signale.

Der bekannte Techne-Theoretiker Martin Heidegger hat mehrfach ernste Bedenken geaeussert gegen die Erlebnisgesellschaft und seine Ueberfuelle. Er wenigstens hat ein Loesungsvorschlag und ruft zur Disziplin. Sein Biograph, Ruediger Safranski, beschreibt die Plaene fuer eine Dozentenakademie, "eine Art Philosophen-Kloster, ein Todtnauberger Asyl, mitten in Berlin." Darin finden wir Heideggers Modell zur Bildung zukuenftiger Eliten. "Es sollte kein Honoratiorenklub, aber auch kleine politische Volkshochschule werden, sondern eine erzieherische Lebensgemeinschaft." Heidegger macht dazu Vorschlaege und schickt sie am 28. August 1934 nach Berlin. "Lehrer und Schueler sollen zusammenleben in der Tagesordnung des natuerlichen Wechsels von wissenschaftlicher Arbeit, Entspannung, Sammlung, Kampfspiel, koerperlicher Arbeit, Aufmaerschen, Sport und Feier. Es solle einen Wechsel zwischen Einsamkeit und Sammlung geben. Hoersaal, Speisesaal mit Vorlesepult, Raeume fuer Feiern und musisches Leben, gemeinsame Schlafraeume." Zentrales Element ist die asketische Zucht im Umgang mit Medien. Es herscht kuenstliucher Mangel. "Die Bibliothek muesste kaerglich ausgestattet sein und sollte nur das Wesentliche enthalten, sie gehoert zur Schule wie der Pflug zum Bauern. Die Schueler sollen bei der Auswahl der Buecher mitbeteiligt werden, um so zu lernen, was echte und grundlegende Beurteilung des Schrifttums bedeutet."

Heute, da diskutiert wird ob sich ueber 'Internet' nicht das Bildungssystem 'verschlanken' liesse, besteht die Frage wem das Recht zukommt, die 'grundlegende Beurteilung' eines Datenbestands vorzunehmen, der im Begriff ist ebenso ortlos zu werden wie die Billiarden von Dollars in den Datennetzen der Finanzmaerkte.

 
 
 

 

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